Aktuell

Auf meine Weise

Dr. Massimo Bernardo, Gründer des Palliativdienstes in Südtirol, geht in den Ruhestand
Seit 2003 verfolgte Dr. Massimo Bernardo eine Idee, die er 2011 mit der Eröffnung des ersten Palliativdienstes und des Hospizes in Südtirol am Krankenhaus Bozen verwirklichen konnte. Am 16. Juni war der letzte Arbeitstag des Facharztes für Geriatrie, der zusätzlich einen Master in Palliativmedizin absolviert hat und sich mit Leidenschaft und Beharrlichkeit dem Ziel gewidmet hat, den Menschen bis zuletzt – so gut es eben geht – eine gute Lebensqualität zu ermöglichen.
Wie fühlen sie sich heute?
Dr. Massimo Bernardo: Ausgezeichnet! Ich bin glücklich über meine Entscheidung. Natürlich waren die letzten Tage angefüllt mit tausend Gedanken und Dingen, die es zu erledigen galt: alles vorbereiten, mich von den Kolleginnen und Kollegen verabschieden … aber jetzt ist alles geregelt.
Fällt es ihnen nicht schwer, sozusagen ihr Lebenswerk zu verlassen?
Dr. Massimo Bernardo: Nein. Und ich werde es ja auch nicht verlassen. Auf freiwilliger Basis werde ich weiterhin präsent sein, ohne die Zwänge eines Apparates, ohne Kräfte, die gegensteuern, mit einem anderen Rhythmus.
Wenn Sie eine Bilanz dieser Jahre ziehen müssten?
Dr. Massimo Bernardo: Ich bin stolz auf das, was wir als Team gemeinsam aufgebaut haben, trotz der Hindernisse, die wir überwinden mussten. Trotz des chronischen Personalmangels – dessen Ende leider nicht absehbar ist – ist es uns mit Ausdauer gelungen, einen Dienst ins Leben zu rufen, der immer besser auf die Bedürfnisse von Menschen mit chronischen Erkrankungen eingehen kann. Wir sind heute Lichtjahre von der Situation entfernt, in der wir vor fast 25 Jahren angefangen haben, aber die Messlatte liegt weiterhin hoch. Palliative Care ist längst nicht mehr auf die allerletzten Lebenstage beschränkt, sondern soll idealerweise bereits ab der Diagnose als Begleitung und Unterstützung einsetzen – oder so sollte es zumindest sein. Der Dienst ist allerdings nach wie vor ungleichmäßig über das Land verteilt: Es fehlen nicht nur Ärztinnen und Ärzte, sondern auch Pflegekräfte und andere Fachpersonen. Dank Telemedizin kann man einiges abfangen, aber eben nicht alles. Letztlich ist das immer nur ein Ersatz – der niemals den Wert einer echten persönlichen Begegnung erreicht.
Sehen sie einen Ausweg aus dem chronischen Mangel an PalliativmedizinerInnen?
Dr. Massimo Bernardo: Man muss erfindungsreich sein, neue Strategien wagen, die Allgemeinmedizin aufwerten. Sicher, meine Generation, jene der Boomer, tritt nach und nach in den Ruhestand und diese Lücken werden schwer zu füllen sein.
Palliativmedizin wird immer noch zu sehr mit dem Sterben assoziiert.
Dr. Massimo Bernardo: Dr. Massimo Bernardo: Leider ja! Es muss viel mehr in Aufklärung investiert werden. Das ist ein großes Thema – auch, um Ärztinnen und Ärzte für dieses Fachgebiet zu motivieren. Klar, Dermatologe oder Augenarzt zu sein ist etwas anderes, die palliative Tätigkeit bedingt eine nicht zu unterschätzende psychologische Belastung. Das kann nicht jeder leisten. Aber die Palliativmedizin hat im Kern mit dem Leben zu tun, mit Lebensqualität – und das ist doch ein sehr edles Ziel für einen Arzt.
Braucht es hier ein kulturelles Umdenken?
Dr. Massimo Bernardo: Ganz genau. Und gerade dafür möchte ich mich künftig noch stärker einsetzen. Ich bleibe in wissenschaftlichen Gesellschaften aktiv, auch in der Trentino Südtiroler-Palliativvereinigung. Es ist eine Art Herzensverbindung – wie zu einem Kind, das inzwischen erwachsen geworden ist. Und natürlich hoffe ich, dass auch der italienische Staat weiterhin Mittel und Ressourcen in diesen so wichtigen Bereich investiert – der angesichts unserer gesellschaftlichen Entwicklung immer wichtiger werden wird.
Eine Frage, die Sie sicher schon oft beantworten mussten – aber sie kann nicht oft genug gestellt werden: Was ist das Herzstück der Palliativmedizin?
Dr. Massimo Bernardo: Zeit. Sich einer Person gegenübersetzen und zuhören. Ich kann nur helfen, wenn ich zuhöre. Ich kann nur dann verstehen, was dem Patienten oder der Patientin in dieser sensiblen Lebensphase wichtig ist, wenn ich zuhöre. Und ich muss bereit sein, die Menschen ein Stück ihres Weges zu begleiten. Aber die Richtung geben sie vor. Jeder Mensch hat eine eigene Vorstellung von Lebensqualität. Das ist entscheidend!
Und was werden Sie ab kommenden Montag tun?
Dr. Massimo Bernardo: Zeit mit meiner Frau verbringen, mit meinen Enkeln. In den letzten Jahren habe ich fast ausschließlich im Krankenhaus gelebt – genau das, wovor ich immer gewarnt habe. Jetzt will ich mich auf mein eigenes Leben konzentrieren, etwas Sport treiben, Rad fahren … und wie gesagt, ich werde mich weiterhin ehrenamtlich im Bereich Palliative Care engagieren. Auf meine Weise.

Aktuell

Lebenslange Begleitung

Im Gesundheitssprengel ist die Hebamme auch Ansprechpartnerin für Prävention
Fotos: Othmar Seehauser
Die Hebamme ist nicht nur eine zentrale Figur im Kreißsaal, sondern spielt auch eine wesentliche Rolle bei der Vorbeugung von Frauentumoren. In den Sprengeln ist sie es, die den Pap-Test durchführt, mit Frauen über die Bedeutung der Prävention spricht und das Abtasten der Brust vermittelt. Mirco Rizzi ist „Hebammer“ – nach vielen Jahren im Kreißsaal in Bozen arbeitete er zwei Jahre im Gesundheitssprengel Sarntal. Heute leitet er den Studiengang für Hebammen an der Claudiana.
Ein Mann als Hebamme – sowohl im Kreißsaal als auch im Sprengel ... Gab es nie Probleme, von den Patientinnen akzeptiert zu werden?
Mirco Rizzi: Nein, nie. Ich glaube, wenn man mit der nötigen Sensibilität auftritt, zuhören kann, dann macht das keinen großen Unterschied. Es gibt ja auch viele männliche Gynäkologen. Und wenn die Frauen spüren, dass man sie ernst nimmt, dann vertrauen sie einem auch.
Die Hebamme ist nicht nur für schwangere oder gebärende Frauen wichtig?
Mirco Rizzi: Ganz genau. Wir begleiten Frauen in den verschiedensten Lebensphasen. Das gilt besonders für Hebammen (und die wenigen männlichen Kollegen), die im Sprengel arbeiten. Es beginnt bei den ganz jungen Mädchen. Hebammen gehen auch in die Schulen, um Sexualaufklärung zu machen: ihnen die Angst vor der ersten gynäkologischen Untersuchung nehmen, gut erklären, wie das Sexualsystem funktioniert, wie wichtig Verhütung ist und wie man sich mit Kondomen vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützt. Und dann ein ganz wichtiges Thema – auch für die Jungen: die HPV-Impfung. Wir sind es auch, die Frauen über Brustkrebsprävention aufklären. Wir sensibilisieren sie dafür, ihren eigenen Körper kennenzulernen – durch regelmäßiges Abtasten, beim Duschen oder Eincremen – damit sie frühzeitig mit dem Gewebe ihrer Brust vertraut sind. Wir lehren die korrekte Selbstuntersuchung der Brust. Wir führen allerdings selbst keine Brustuntersuchungen durch, machen aber den Pap-Test.
Brustgesundheit ist ein Bestandteil der Hebammenausbildung?
Mirco Rizzi: Ja, ein sehr wichtiger. Die Pflege der Brust ist ja auch in der Schwangerschaft und während der Stillzeit ein wichtiges Thema.
Sie begleiten Frauen also durch verschiedene Lebensabschnitte …
Mirco Rizzi: Genau. Auch in den Wechseljahren sind wir AnsprechpartnerInnen. Wir erklären die physiologischen und psychischen Veränderungen, die auftreten können. Und wir geben Tipps, wie man Beschwerden auch ohne Hormonersatztherapie besser in den Griff bekommen kann.
Sie vermitteln also, dass die Menopause keine Krankheit ist.
Mirco Rizzi: Das stimmt und wir können viel Unsicherheit nehmen. Ein weiteres sehr wichtiges Thema – bereits für junge Frauen, aber eigentlich in allen Lebensphasen – ist der Beckenboden. Wer eine gute Beckenbodenmuskulatur hat, lebt auch nach den Wechseljahren und im Alter entspannter.
Zurück zum Brustkrebs: Die Schere des Erkrankungsalters weitet sich aus. Die Patientinnen werden jünger (und auch älter). Es wird diskutiert, das Screening – also die Mammografie – von 50 auf 45 bzw. von 65 auf 75 auszuweiten. Auch die Zahl junger Frauen, die nach der Geburt an Brustkrebs erkranken, steigt.
Mirco Rizzi: Ohne anderen Berufsgruppen die Arbeit „wegnehmen“ zu wollen, liegt es schon auch an uns, junge Mütter zu beobachten, Warnzeichen zu erkennen und ihnen bewusst zu machen, dass – auch wenn das Brustkrebs-Screening erst in einem reiferen Alter beginnt – die Selbstuntersuchung zur Gewohnheit werden sollte, so selbstverständlich wie das Zähneputzen. Jeden Monat, schon in jungen Jahren. Vor allem müssen wir die Scheu davor nehmen, sich selbst zu berühren.
Die Brustkrebsvorsorge wird in Südtirol recht gut angenommen. Gilt das auch für den Pap-Test?
Mirco Rizzi: Es könnte besser sein! Auch hier haben die Kolleginnen und Kollegen im Sprengel die Möglichkeit, durch Mundpropaganda viele Frauen zu erreichen – auch Migrantinnen. Die Hebamme besucht nach der Geburt alle Frauen zu Hause, begleitet sie beim Stillen, und dieses Vertrauensverhältnis sollte man nutzen.
Sie haben zwei Jahre im Sprengel Sarntal gearbeitet. Kommen tatsächlich alle Frauen nach der Geburt zur Hebamme oder gibt es auch welche, die das nicht möchten?
Mirco Rizzi: Normalerweise ist es so, dass Frauen, die im Dorf oder in der Nähe wohnen, zwei oder drei Tage nach der Geburt von selbst vorbeikommen. Wer sehr abgelegen wohnt, tut dies nicht immer. Wenn jemand nicht kommt, machen Hebammen auch Hausbesuche. Das ist sehr wichtig – nicht nur, um zu sehen, wie es der Wöchnerin geht, ob das Stillen klappt oder ob es Brustprobleme gibt, sondern auch, um einen Eindruck von der sozialen Situation zu bekommen. Letztlich ist jeder Besuch eine Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen und ein Vertrauensverhältnis zwischen Frau und Sprengel aufzubauen. Vielleicht ist das in Zeiten des Internets und der künstlichen Intelligenz sogar noch wichtiger. Wir müssen verhindern, dass sich Frauen die Antworten alleine suchen – nicht alles, was man online findet, ist korrekt, und der persönliche Kontakt ist immer ein Mehrwert, gerade in einer so sensiblen Phase wie der Mutterschaft.
Sind die jungen Hebammen, die heute an der Claudiana abschließen, Ihrer Meinung nach bereit, auch im Sprengel zu arbeiten?
Mirco Rizzi: Die Arbeit im Sprengel verlangt viel Erfahrung – sie ist nicht ideal für BerufsanfängerInnen. Im Krankenhaus hat man Rückhalt, da ist immer jemand, den man fragen kann. Aber ich sehe, dass die jungen KollegInnen sehr aufmerksam und engagiert sind. Natürlich haben sie ein anderes Verhältnis zur Arbeit als frühere Generationen – und das zu Recht. Sie sind nicht mehr bereit, 50 Stunden die Woche und mehr zu arbeiten, weil sie auch der Freizeit und dem Privatleben den richtigen Stellenwert geben. Aber wenn ich ihre Abschluss-Arbeiten lese, spüre ich viel Motivation, sich einzubringen und auch das Thema Prävention ist sehr präsent!
Mirco Rizzi