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Leidenschaft & Qualität

Der stille Gestalter der Südtiroler Küche

Seit fast 60 Jahren versorgt Helmuth Wörndle Südtirols Spitzengastronomie mit dem Besten, was die Welt zu bieten hat – ohne großes Aufheben, aber mit einer Konsequenz und Passion, die der Südtiroler Kulinarik einen bleibenden Stempel aufgedrückt haben.
Helmuth Wörndle – FOTO: Andrea Bianchi
Es gibt Menschen, deren Wirken man überall spürt, ohne dass man ihren Namen kennt. Helmuth Wörndle ist einer von ihnen. Wer in einem Südtiroler Restaurant einen perfekt gereiften Käse genießt, eine tadellose Wagyu-Scheibe oder einen Lachs, der binnen 48 Stunden aus Neuseeland eingeflogen wurde – der hat wahrscheinlich Wörndle Interservice auf dem Teller, ohne es zu wissen. Das ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis von fast 60 Jahren stiller, konsequenter Arbeit eines Mannes, der lieber Produkte reden lässt als sich selbst.
Helmuth Wörndle feiert in diesem Jahr den 60. Geburtstag seiner Firma. Wörndle Interservice ist heute Südtirols größter Gastronomie-Großhandel – mit rund 300 Mitarbeiter:innen, über 900 Lieferanten weltweit, 900 gelisteten Südtiroler Produkten und mehr als 9.500 belieferten Betrieben von Bozen bis Sizilien. Und dennoch: Google liefert kaum Treffer zu seinem Namen. Kein großer Auftritt, kein Podium, keine Selbstvermarktung. Helmuth Wörndle wirkt im Hintergrund.
Vom Gemischtwarenladen zur Spitzengastronomie
Die Geschichte beginnt, wie viele gute Geschichten, mit einer Ablehnung. Die Familie Wörndle betrieb in Kaltern einen Gemischtwarenladen – Dünger, Mehl, das Übliche jener Zeit. Der junge Helmuth Wörndle hatte für die landwirtschaftlichen Produkte herzlich wenig übrig. Was ihn interessierte, waren Lebensmittel. Und was ihn antrieb, war ein Südtirol im Aufbruch: Der Tourismus begann zu boomen, die ersten Hotels entstanden, die Küchen brauchten Ware.
Mit einer selbst zusammengestellten Produktliste zog er 1966 los und klopfte bei den Hotels an. Die Reaktion? Skepsis. „Die Jugend war am Anfang ein Handicap – alle waren skeptisch“, erinnert er sich. Sein erster Kunde war das Lido am Kalterersee. Die erste Bestellung: drei Kartons Macedonia-Fruchtsalat. Ein unspektakulärer Beginn für ein Unternehmen, das die Südtiroler Gastronomie prägen sollte.
Die Anfangsjahre im Überetsch waren mühsam. Keine ausgefeilte Logistik, Lieferscheine noch von Hand geschrieben, eine Produktpalette, die erst wachsen musste. Aber Wörndle blieb dran. Die landwirtschaftliche Abteilung des Familienbetriebs wurde komplett aufgegeben, der Fokus ganz auf den Lebensmittelgroßhandel gesetzt.
Die eigentliche Wachstumsphase begann mit der Expansion ins Pustertal und der Übernahme der Firma Mahl in Bruneck – ein strategischer Schritt, der das Unternehmen in eine neue Größenordnung katapultierte. Das Lager in Percha wurde neu aufgebaut. Der Name Wörndle etablierte sich, langsam aber sicher, als Synonym für Qualität.
Den entscheidenden Schritt in die internationale Produktwelt brachte 1987 ein Besuch bei Rungis Express in Köln, „damals Träger einer der besten Produktpaletten Europas“, wie Wörndle im Interview erklärt. Aus dem Besuch entstand eine erste Zusammenarbeit und später die Wörndle-Tochterfirma „Gran Chef“, über die der Vertrieb nach Norditalien aufgebaut wurde. „Der erste Schritt in die internationale Produktpalette war gemacht“, sagt Wörndle heute.
Passion statt Profitdenken
Wo andere Großbetriebe Resultate optimieren, treibt Helmuth Wörndle etwas anderes an: die Freude an besonderen Produkten und die Genugtuung zu wissen, dass in einer Südtiroler Küche etwas Außergewöhnliches entsteht – auch dank seiner Ware.
„Ich habe die Freude und Genugtuung, besondere Produkte anzubieten, damit in den Küchen besondere Kreationen entstehen“, sagt er. Diese Philosophie zieht sich durch alle Unternehmensbereiche. Alle Produkte, die neu ins Sortiment aufgenommen werden, werden von mehreren gezielt beauftragten Personen verkostet. Selbst ein positiv bewertetes Produkt ist noch kein Garant für die Aufnahme – es wird diskutiert, abgewogen, entschieden. Gerade bei Frischeprodukten wie Fleisch und Wurstwaren werden Artikel konsequent ausgelistet, sobald die Qualität nicht mehr stimmt.
Dieselbe Sorgfalt gilt für den Aufbau des Teams. Viele Mitarbeiter:innen sind seit über 20 Jahren im Unternehmen – ein Umstand, der Wörndle sichtlich stolz macht. Erfolg komme nicht nur durch gute Produkte, sondern auch durch gutes, langjähriges Personal. Den Vertreter im Außendienst sieht er längst nicht mehr als Verkäufer, sondern als Produktberater: „einer, der in den Küchen präsent ist, zuhört, erklärt – und mit der Köchin oder dem Koch auf Augenhöhe diskutiert“.
Regional und International – kein Widerspruch
900 Produkte aus Südtirol führt Wörndle Interservice im Sortiment und fördert diese aktiv. Gleichzeitig ist ein Lachs aus Neuseeland dank moderner Logistik innerhalb von 48 Stunden in Bozen. Für Wörndle ist das kein Widerspruch, sondern die natürliche Konsequenz eines Berufsbilds, das sich verändert hat: „Der Koch von heute will über jedes Produkt informiert sein – egal ob es aus dem Vinschgau stammt oder aus dem Pazifik“.
Um die Logistik für kurzfristige, internationale Lieferungen zu stemmen, hat Wörndle Interservice 2021 ein neues Logistikzentrum bei Brescia eröffnet. 31.250 Quadratmeter Gesamtfläche, vollklimatisiert, mit Photovoltaikanlage. Auch hier: keine Ankündigungen, keine großen Pressekonferenzen. „Das haben wir einfach gemacht“, sagt Wörndle.
Was die Zukunft betrifft, sieht Wörndle einen klaren Trend: gesunde, naturnahe Produkte. „Bei den Gästen ist der gesundheitliche Faktor immer stärker spürbar“, sagt er. Auch in Sachen Nachhaltigkeit ist das Unternehmen bereits aktiv. Polystyrol-Verpackungen werden dort abgelöst, wo es geht, nachhaltig produzierte Rohwaren bevorzugt. Nachhaltigkeit beginne – so Wörndle – auch bei den Mitarbeiter:innen: „in der Art, wie man miteinander umgeht“.
Für den Betrieb bedeutet das auch, dass „Expansion um jeden Preis“ wie Wörndle es nennt, ein No-Go bleibt. Viel eher setzt Wörndle auf Konsolidierung, um den eingeschlagenen Weg weiterzugehen, Beratungskompetenzen auszubauen und den Austausch zwischen Lieferservice und Küche weiter zu stärken. Genuss, Freude und Gesundheit sollen auch in Zukunft als Leitfaden dienen.
Partner des SKV – seit mehr als 25 Jahren
Seit über einem Vierteljahrhundert ist Wörndle Interservice treuer Partner des Südtiroler Köcheverbandes - SKV. Landesmeisterschaften, die Auszeichnung der besten Lehrlinge, die Prämierung des Ausbildners und des Ausbildungsbetriebes des Jahres, die Teilnahmen an den Berufsweltmeisterschaften – stets ist Wörndle Interservice als Premium-Partner dabei. Still, verlässlich, konsequent.
Ein Wegweiser der Südtiroler Genusswelt
Ob er nicht auch selbst mal Koch hätte werden wollen? Bei dieser Frage muss Wörndle kurz schmunzeln. Der Wunsch sei nie wirklich da gewesen. „Aber Produkte verkosten, verstehen, fachsimpeln – das schon. Ich bin ein Feinschmecker. Und es macht Spaß, einer zu sein.“ Was ihn an jungen Köchinnen und Köchen fasziniert, ist ihre Begeisterung: „Kaum in einem anderen Beruf machen junge Menschen ihre Sache mit so einer Überzeugung“, sagt er und fügt auch gleich einen Ratschlag für Berufseinsteiger:innen hinzu: „Die Freude und Passion, etwas zu kreieren, müssen vorrangig sein“.
Was einmal über ihn gesagt werden soll? Helmuth Wörndle antwortet ohne lange zu zögern: „Dass ich durch Freude, Passion und Leidenschaft die Esskultur in Südtirol bereichern und ein kleines Stück ihres Weges mitgestalten durfte.“
pj

Kochkunde
Cordon Bleu

Kulinarisches Wunderwerk mit eingebautem Identitätsproblem

Zwischen Mythos und Fritteuse: Eine kritische Betrachtung des panierten Überfliegers.
FOTO: Reinhardthrainer - Pixabay
Es gibt Gerichte, die Eleganz ausstrahlen. Trüffelrisotto. Hummer Thermidor. Ein perfekt glasierter Rehrücken.
Und dann gibt es das Cordon Bleu – ein Gericht, das klingt wie ein elitärer Feinschmecker-Orden, aber in Wahrheit ein panierter Käse-Schinken-Fleisch-Tresor ist, der in vielen Kantinen seine gefährlichsten Einsätze erlebt.
Warum heißt dieses Kalorienpaket eigentlich „Cordon Bleu“?
Wörtlich heißt es „Blaues Band“. Und warum?
Natürlich, weil jemand fand, dass ein gefülltes Schnitzel so unglaublich nobel ist, dass man ihm denselben Namen geben sollte, wie dem französischen Ritterorden „Ordre du Saint-Esprit“ (Orden vom Heiligen Geist), welcher später zum Ehrenorden für Spitzenköche wurde.
Ja, richtig: Der Orden des „blauen Bandes“ wurde im 16. Jahrhundert an Köche verliehen, die wirklich etwas konnten.
Und irgendwann sagte ein kreativer Koch vermutlich Folgendes:
„Was, wenn wir zwei Fleischscheiben nehmen, Schinken reinpacken, eine Scheibe Käse so groß wie ein Kirchenfenster dazwischen stopfen – und das Ganze dann panieren? Das ist mindestens so edel wie ein königlicher Orden!“
Und zack war der Name geboren.
Man hätte es natürlich auch einfach „Schinken-Käse-Klapp-Schnitzel“ nennen können. Aber nein, man entschied sich für Cordon Bleu – klingt einfach besser, wenn man später in der Küche schreit:
„Noch ein Cordon Bleu! Und bitte den Käse diesmal IM Fleisch behalten!“
Die Kunst des Cordon-Bleu-Kochens
Viele behaupten, ein gutes Cordon Bleu zuzubereiten sei schwierig. Das stimmt – wenn man möchte, dass der Käse nicht schon in der Pfanne flieht.
Die wahre Kunst besteht aber darin, die perfekte Balance zu finden zwischen:
zu viel Käse, der während des Frittierens auf Weltreise geht
zu wenig Käse, sodass man sich fragt, ob man eigentlich ein paniertes Stück Enttäuschung isst
und dem seltenen Moment, in dem alles zusammenpasst – und man denkt: „Ja, dafür wurde dieser Orden erfunden!“
Das Cordon Bleu – das Chamäleon der Gastronomie
Was am Cordon Bleu besonders beeindruckt:
Es taucht überall auf.
In der Dorfkneipe: „Cordon Bleu XXL – mit Pommes, Wurstsalat und einem Bier gratis“
Im Bistro: „Hausgemachtes Cordon Bleu“ (vermutlich hausgemacht im Großhandel)
Im Gourmetrestaurant: „Kalbs-Cordon-Bleu mit Rohmilchkäsekern“
Egal wo – es ist da.
Wie der Onkel, der bei jeder Familienfeier auftaucht, obwohl niemand weiß, wer ihn eingeladen hat.
Ein Name, der größer ist als das Gericht
Warum heißt es also Cordon Bleu?
Weil die Menschheit manchmal einfach möchte, dass Dinge edel klingen, selbst wenn sie eigentlich:
panierte Käsetaschen aus Fleisch sind
mit Schinken verklebt
und in Fett gebadet
Und irgendwie ist genau das die Schönheit daran: Das Cordon Bleu ist der demokratischste aller kulinarischen Titelträger.
Sowohl Imbiss als auch Sternerestaurant können es machen – und keiner weiß so genau, ob es wirklich gut wird.
pj