Aktuell

Jeden letzten Freitag im Monat

Endlich ein spezifischer Dienst für Menschen, die mit der genetischen Mutation BRCA leben
Im Gespräch mit dem Team der BRCA Ambulanz: Der Onkologe Alberto Caldart und die Psychologin Martina Pircher – FOTO: Othmar Seehauser
Die BRCA-Ambulanz. Zwei Personen kümmern sich am Vormittag des jeweils letzten Freitags im Monat um Menschen mit der genetischen Mutation BRCA. Er italienischer Muttersprache, sie deutscher Muttersprache. Der Onkologe Dr. Alberto Caldart und die Psychologin Martina Pircher. Ein perfektes Team, um zuzuhören, zu informieren, zu beruhigen und sich um das Präventionsprogramm für Menschen zu kümmern, die aufgrund eines vererbbaren Gendefekts ein erhöhtes Risiko haben, an Brust-, Eierstock-, Prostata- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs zu erkranken.
Die BRCA-Ambulanz ist der onkologischen Abteilung angegliedert, und mit ihrer Eröffnung im vergangenen September wurde eine Forderung erfüllt, die BRCA-MutationsträgerInnen, darunter auch VertreterInnen der Vereinigung aBRCAdabra, schon seit mehreren Jahren an den Südtiroler Gesundheitsbetrieb gerichtet haben.
TrägerInnen dieser Mutation haben im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein viel höheres Risiko, an Brustkrebs (auch Männer, wenn auch in viel geringerer Zahl), Eierstock-, Prostata- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs zu erkranken, und benötigen ein strengeres Überwachungsprogramm als es die „normale“ Vorsorge vorsieht. Bis vor kurzem war es Aufgabe der Betroffenen, sich die, in den internationalen Leitlinien geforderten Untersuchungen und Tests, zu organisieren. Regelmäßige Ultraschalluntersuchungen, Mammographie, Magnetresonanztomographie und gynäkologische/urologische Untersuchungen sowie, bei familiärer Vorbelastung mit Bauchspeicheldrüsenkrebs, eine MRT des Oberbauchs, eventuell gefolgt von einer Endoskopie, ebenfalls auf jährlicher Basis. Keine leichte Aufgabe angesichts der langen Wartelisten, und vor der Einführung der D99-Befreiung auch mit nicht unerheblichen Kosten verbunden. Seit September kümmert sich das Ambulatorium um die Vormerkungen, für viele Untersuchungen gibt es eigene -Vorrang-Wartelisten.
Um die Ambulanz eröffnen zu können, ermöglichte der Primar der onkologischen Abteilung des Bozner Krankenhauses, Dr. Luca Tondulli, seinem jungen Kollegen, Dr. Alberto Caldart, eine spezielle Ausbildung am IOV, Istituto Oncologico Veneto zu absolvieren. In Zusammenarbeit mit diesem hat der junge Onkologe auch seine Examensarbeit für seine Facharztprüfung zum Thema der genetischen Mutationen, insbesondere BRCA 1 und 2, erarbeitet.
Seit der Eröffnung der Ambulanz im September haben sich bereits rund 30 Personen mit einer BRCA-Mutation vorgestellt. Im Moment, so Dr. Caldart, handelt es sich vor allem um Personen, die erst kürzlich die Ergebnisse des Gentests erhalten haben. „Wir hoffen, dass wir im Laufe der Zeit auch alle anderen Personen ansprechen können, die bereits seit längerem mit dem genetischen Befund der Mutation leben.“ Ende 2022 waren in der Provinz etwa 170 Betroffene registriert. Die Betroffenen stellen sich meistens nicht alleine vor, sondern kommen in Begleitung eines Elternteils, der Schwester, des Bruders, und es ist nicht ungewöhnlich, dass Dr. Caldart und seine Kollegin, die Psychologin Pircher, die ganze Familie betreuen. „Manche PatientInnen erfahren ja erst von ihrer Mutation, wenn sie bereits erkrankt sind. Es wäre wünschenswert, ja wir hoffen, dass Menschen, die die Mutation tragen, zu uns kommen, bevor sie eine Diagnose erhalten“, betont der Onkologe.
Ein Gentest wird immer dann vorgeschlagen, wenn ein Krebspatient in relativ jungem Alter erkrankt und in der Familie bereits bestimmte Krebsformen aufgetreten sind. Die Entscheidung, sich dem Test zu unterziehen, liegt bei dem einzelnen Patienten bzw. bei einem positiven Ergebnis bei den Familienangehörigen der Betroffenen. Die Betroffenen müssen das Wissen um eine Mutation erst einmal verarbeiten, müssen diese Information in ihre „Geschichte“ integrieren. Es ist sehr wichtig, sie schon in dieser Phase zu unterstützen“, betont Martina Pircher. Die Psychologin hat langjährige Erfahrung als Mitarbeiterin des Dienstes für Genetik als Beraterin für BRCA-Mutationen bei Brustkrebs. „Der Diskurs der Primärprävention interessiert mich sehr, ebenso wie die Möglichkeit, Menschen in dieser Situation zu unterstützen, mich mit ihnen auseinanderzusetzen.“
„Das vererbte genetische Syndrom im Zusammenhang mit der BRCA-Mutation ist eines der bekanntesten“, erklärt Dr. Caldart. „Gentests werden immer wichtiger, weil die Forschung in diesem Bereich auch zu Entwicklungen in der Therapie geführt hat, mit neuen Medikamenten, die immer gezielter und individueller sind.“ Nicht nur in der Onkologie, sondern auch in der Radiologie, bzw. in chirurgischen Abteilungen sei die Präsenz eines Facharztes mit genetischem Hintergrund heutzutage eigentlich unerlässlich. „Ebenso wie die Aufklärung und Sensibilisierung der Bevölkerung. Um das Krebsrisiko zu senken, braucht es neben der aktiven Vorbeugung auch die Kenntnis der eigenen Familiengeschichte.“
Zu den Aufgaben der BRCA-Ambulanz gehören die Betreuung und Information der Mutationsträger, die praktische Hilfe bei der Organisation von Vorsorgeuntersuchungen, aber auch und vor allem, die Festlegung eines individuellen Protokolls in Abhängigkeit von der Art der in der Familie aufgetretenen Krebserkrankungen, dem Alter, in dem die Mutation diagnostiziert wurde, dem Geschlecht des Mutationsträgers…
Um den individuellen Präventionspfad festzulegen, müssen sowohl Arzt als auch Psychologin mit großer Sensibilität und Einfühlungsvermögen vorgehen. Das Risiko an Krebs zu erkranken ist individuell und hängt ab von der Art der Mutation, BRCA 1 oder BRCA 2 und auch von der Familiengeschichte. Jede Person reagiert zudem anders auf die genetische Diagnose. "Wir müssen einschätzen können, ob es sich um eine eher ängstliche Person handelt oder nicht, wie sie die Zeit zwischen den Kontroll-Untersuchungen lebt - unbelastet oder aber von dauernder Angst bestimmt", erklärt Psychologin Martina Pircher. „Anhand der Leitlinien“, so Dr. Alberto Caldart, „können wir die Untersuchungen auf einen Termin im Jahr zusammenlegen oder aber auch aufteilen, so dass man alle sechs Monate eine Untersuchung hat, um den Stress aufzuteilen und abzumildern.“ es liegt an der Sensibiltät und am Einfühlungsvermögen des behandelnden Arztes dies festzustellen. „Eines der Ziele unserer Arbeit“, erklärt Martina Pircher, „ist es sicherlich auch, den Menschen, die herausfinden, dass sie Träger der Mutation sind, zu vermitteln, dass sie nicht alleine sind, dass sie sich einerseits selbst bestimmen können, sich aber andererseits in ihren Entscheidungen auch auf uns berufen können, mit uns die Situation erörtern können. Dass sie nicht alleine sind!“
Neben dem engmaschigen Kontrollnetz, besteht auch die Möglichkeit, präventiv einzugreifen. Bei Brustkrebs bedeutet das die prophylaktische Entfernung der beiden Brustdrüsen, also eine beidseitige Mastektomie mit anschließender Sofortrekonstruktion, bei Eierstockkrebs die prophylaktische Entfernung der Eileiter und Eierstöcke. Es handelt sich um sehr invasive Eingriffe, mit Auswirkungen auch auf die Körper-Funktionen. Die Patientinnen werden mit der Entscheidung, Kontrolle oder Operation nicht allein gelassen, der Arzt vermittelt aber auch, dass nicht er es ist, der entscheidet, wohl aber im Entscheidungsprozess zur Seite steht. Es hängt nicht zuletzt von der individuellen psychischen Verfassung ab, wie eine Person die Last des Wissens um die Mutation ertragen kann. Die Beratung über den richtigen Weg ist nicht einfach. Die Früherkennungsuntersuchungen für Brustkrebs sind sehr effizient, bei frühzeitiger Diagnose ist Brustkrebs heilbar. Anders ist es beim Eierstockkrebs. Er ist schwieriger zu diagnostizieren und biologisch aggressiver als Brustkrebs. „Aus rein onkologischer Sicht schlagen wir in der Tat vor, dass Frauen bei erfülltem Kinderwunsch und in bestimmten Altersgruppen ihre Eileiter und Eierstöcke entfernen lassen“, betont Dr. Alberto Caldart.
Die Bilanz der im September eröffneten Ambulanz ist positiv, sowohl von Seiten der PatientInnen, die diesen Dienst bisher in Anspruch genommen haben, als auch von Seiten der beiden Experten, die sehr zufrieden und von dem Teamansatz überzeugt sind. Es bleibt abzuwarten, ob einmal im Monat ausreicht oder ob das Angebot ausgeweitet werden muss, wenn alle Personen, die mit einer Genmutation registriert sind, aufgenommen sein werden. Es sei auch denkbar, so Dr. Caldart, dass das Programm in Zukunft auch auf andere genetische Vorbelastungen ausgeweitet wird, da BRCA nicht die einzige, sondern nur die bekannteste und bisher häufigste krebsverursachende Mutation ist.
Sprechstunden in der BRCA-Ambulanz können im Sekretariat der Onkologie in Bozen telefonisch oder per E-Mail angemeldet werden: Tel.: +39 0471 438 953, E-Mail: oncologia.bz@sabes.it
Voraussetzung ist die Vorlage der Ausnahmegenehmigung D99 und einer Überweisung, ausgestellt vom Dienst für medizinische Genetik.

Aktuell

Der Raum der Stille

Rückzugsort inmitten des Krankenhausbetriebs – für PatientInnen,
Angehörige und Mitarbeitende
FOTO: Othmar Seehauser
Groß ist er eigentlich nicht. Der erste Eindruck ist Leere, abgesehen von den Bänken entlang der Wand, einigen Hockern und einem Wandregal sowie zwei großen, handgetöpferten Bodenvasen. Leere und Stille. Auf eine seltsam erfüllende und nicht bedrückende Art und Weise. Der Raum der Stille im neuen Trakt des Krankenhauses Bozen.
Bozner Krankenhaus, neuer Trakt, zweiter Stock, 15 Uhr. Wenn der Aufzug sich öffnet und man den Gang betritt, empfängt einen Stille. Ein großer Kontrast zum geschäftigen und geräuschvollen, zeitweise fast hektischen Treiben im Erdgeschoss und im dritten Obergeschoss, wo wir fälschlicherweise zuerst hingeschickt worden sind. Hier im zweiten Stock befinden sich die Intensivstation und der OP-Trakt. Ab und zu trifft eine Gruppe von ÄrztInnen und PflegerInnen hier draußen zusammen. Tauschen sich aus. Eine Tür öffnet sich und ein Patient wird im Bett aus dem OP-Saal gerollt. Ansonsten ist der Gang menschenleer. Und bis auf ein unbestimmbares Rauschen, das von unten durch den offenen Mittelteil heraufströmt, ist es still.
Der Raum der Stille hätte keinen besseren Ort finden können. Wer um einen Angehörigen in einem der beiden Trakte bangt, aber auch wer hier arbeitet, um Menschenleben kämpft, wer einen Verlust, eine Diagnose verarbeiten muss, kann im Raum der Stille Zuflucht finden. Wirkliche Stille, abgeschirmt vom Krankenhausbetrieb. Ein Raum, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Um zur Ruhe zu kommen. Um einen Dank auszusprechen, Erleichterung oder aber, um sich ungestört seiner Verzweiflung oder Trauer hinzugeben. Um ein Gebet zu richten, an wen auch immer. Die Stille kennt keine konfessionellen Grenzen, sie dient allen. Oder einfach nur, um Stille einwirken zu lassen auf das Chaos, die Wogen im Inneren zu glätten. Zur Ruhe kommen.
Ein langgehegter Wunsch dieser Raum, der mit seinen sanften Erdfarben, der geschwungenen Form der der Eingangstür gegenüberliegenden Wand, die von einem Oberlicht indirekt beleuchtet wird, einlädt. Sanfte Farben, sanfte Formen. Erdfarben auch der Boden, ein Kontrast zum weißgesprenkelten Blau des Krankenhausbodens. Hier herrscht Harmonie. Alle Sinne, nicht nur das Gehör, können hier zu Ruhe kommen. Renate Torggler, bis Mai Leiterin der Krankenhausseelsorge, konnte dieses von ihr so lange gewünschte Projekt gerade noch eröffnen, bevor sie in den Ruhestand getreten ist. Ihre Ansprechpartner waren die Mitglieder des Gartens der Religionen, die in der Künstlerin und Theologin Mirijam Heiler die Person ausgemacht haben, die diesen Raum mit lebendiger Stille füllen, ihn gestalten sollte.
„Es war schon lange unser Ziel, einen Raum für alle Menschen zu bekommen, unabhängig davon, ob sie religiös sind oder nicht und welcher Religion sie angehören. Ein Raum zum sich zurückziehen“, erklärt Renate Torggler. Auch die Krankenhausseelsorge sei schließlich für alle da, betont sie. „Wir stellen uns als katholische Seelsorger vor, bieten unsere Hilfe aber allen an, unabhängig welcher Konfession sie angehören, ob sie Agnostiker oder Atheisten sind. Und die Menschen“, unterstreicht Renate Torggler, „sind frei! Wer nicht mit uns reden möchte, kann uns wegschicken!“
Im Bozner Krankenhaus gehören der Krankenhausseelsorge acht Mitarbeiter an: acht Seelsorgerinnen, Frauen mit einem abgeschlossenen Theologiestudium. Sie haben die Abteilungen unter sich aufgeteilt und sind, wie auch in den Krankenhäusern Meran und Brixen, in einen 24 Stunden-Dienst eingeteilt. „Wir sind immer abrufbereit, begleiten die Menschen im besten Fall auf dem Weg der Besserung, aber auch durch Schmerz, Trauer oder auf ihrem letzten Weg.“ Um für ihre verantwortungsvolle und fordernde Arbeit gerüstet zu sein, treffen die Krankenhaus-SeelsorgerInnen mehrmals im Jahr zu einer gemeinsamen Supervision zusammen.
Was sind für Renate Torggler die Voraussetzungen, um in der Krankenhausseelsorge arbeiten zu können? „Eine gute Basis ist gefestigt im Glauben sein, die Hoffnung, dass Menschen zu neuem Lebensmut finden und wir ihnen dabei zur Seite stehen können und viel Gottvertrauen!“ Und, was ihr sehr wichtig ist zu vermitteln: „Wir investieren sehr viel Energie in unsere Arbeit, aber wir bekommen auch sehr viel zurück. Von den Menschen und von Gott.“
Als die mit der Gestaltung beauftragte Künstlerin Mirijam Heiler den Raum, der zum Raum der Stille werden sollte, das erste Mal betrat, hatte sie das Gefühl von „clean“, zu „clean“. Der blaue Boden, die sterilen Wände… „Ich habe unmittelbar das Bedürfnis nach Erde gespürt, nach Erde und nach Naturfarben.“ Herangegangen ist sie an ihre Aufgabe mit der Fragestellung „Was würde ich brauchen oder suchen, in einem Rückzugsraum?“ Ganz spontan fiel ihr, die im Nebenstudium Theologie studiert hat, Taizé ein, die ökumenische Bruderschaft, die nahe dem ostfranzösischen Cluny jedes Jahr ein europäisches Jugendtreffen organisiert. Offen für alle. Begegnungen zwischen den Nationen und zwischen den Konfessionen, im Zeichen des Vertrauens und des Friedens. „Ich wollte das Gefühl, das ich bei den Begegnungen in Taizé empfunden habe, in diesen Raum transportieren.“
Es stand für sie sofort fest, dass der Raum grundsätzlich leer sein sollte, bereit die Gedanken und Sorgen, Hoffnungen und Gebete der Menschen aufzunehmen, die dort einen Rückzugsort suchen. „Nicht der Raum soll mich füllen, sondern ich den Raum!“ Die Erdfarbe, eine abgerundete Wand, auf die Licht von oben fällt, Symbol für ein sich wendendes Blatt – ein Zeichen der Hoffnung, der Wende, des Weitergehens, der Zuversicht und des Muts. Zwei mit Wasser gefüllte Tongefäße (gefertigt in der Werkstatt des psychiatrischen Reha-Zentrums). Die Regalwand am Eingang des Raumes ist noch leer und bereit, Symbole aufzunehmen, die die Angehörigen der verschiedenen Religionen vielleicht dort deponieren möchten.
Für die Verwirklichung ihres künstlerischen Projekts hat sich Mirijam Heiler intensiv mit den Seelsorgerinnen und den Mitgliedern des Gartens der Religionen auseinandergesetzt. „Der Raum hat auch die ideale Größe, mehr als fünf Menschen finden dort nicht Platz. Er ist nicht zu klein, aber auch nicht so groß, dass man sich verloren vorkommt, selbst wenn man ihn alleine betritt.“
Die Krankenhausseelsorgerinnen nutzen ihn sehr gerne für Gespräche und auch die Mitarbeiter des Krankenhauses schätzen es, sich bei Bedarf in die aufnehmende Stille zurückziehen zu können, die auch nicht von Meditationsmusik gestört werden soll. Die Außenwand des Eingangs des Raums lädt mit Schriftzeichen in mehr als zwanzig Sprachen zum Eintreten ein. Ein Raum für alle.
Raum der Stille
Stanza del Silenzio
Spazi dal Silens
Salle de Silence
Camera tācerii
Room of Silence
Dhomë e Heshtjes