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Die Zukunft ist heute

Hämatologie Bozen: Exzellenz bei Transplantationen und CAR-T-Zell-Therapie
Fotos: Othmar Seehauser
Die Hämatologie in Bozen ist regionales Zentrum für Knochenmarkstransplantationen von Spendern. Seit Januar 2026 gehört die Abteilung offiziell zum exklusiven Kreis der 45 italienischen hämatologischen Zentren mit Exzellenz-Akkreditierung. Dieser Meilenstein ermöglicht den Zugang zur Therapie mit CAR-T-Zellen, einer echten Revolution in der Behandlung von Lymphomen. Verantwortlich für die Transplantationen und die CAR-T-Therapie ist Dr.in Irene Cavattoni.
Das Transplantationszentrum Bozen hat die Exzellenz-Akkreditierung erhalten. Was bedeutet das konkret für die Patienten?
Dr.in Cavattoni: Diese Auszeichnung ist eine grundlegende Anerkennung einer vor langer Zeit begonnenen Teamarbeit und der Qualität unserer Protokolle. Vor allem aber befähigt sie uns zur Anwendung der CAR-T-Zell-Therapie. Wir sprechen hier von einer revolutionären Zelltherapie: Dem Patienten werden Lymphozyten entnommen, die genetisch so verändert werden, dass sie zu hochselektiven „Waffen“ gegen die spezifischen Tumorzellen dieser Person werden, wie etwa bei einem Lymphom oder Myelom.
Es handelt sich also um eine extrem personalisierte Therapie?
Dr.in Cavattoni: Genau. Jeder Patient erhält sein eigenes Präparat; es ist nicht möglich, dieselbe Therapie für eine andere Person zu verwenden. Die Zukunft der Hämatologie wird nicht mehr darin bestehen, den Organismus mit toxischen und schweren Chemotherapien zu „bombardieren“, sondern ausschließlich das spezifische Ziel zu treffen, um Nebenwirkungen so weit wie möglich zu reduzieren und die Wirksamkeit zu erhöhen. Aber Vorsicht: Ich vereinfache hier stark. Es ist nicht alles so einfach, denn auch diese neue Therapie bringt erhebliche Nebenwirkungen mit sich.
Welches sind diese Nebenwirkungen?
Dr.in Cavattoni: Es handelt sich hauptsächlich um immunologische Reaktionen. Es ist, als ob im Körper eine große Schlacht entbrennt: Es kann zu hohem Fieber, Atemnot oder schweren Stoffwechselproblemen kommen. Diese Situationen erfordern sofortiges Handeln und große klinische Erfahrung. Daher ist eine der Voraussetzungen für die Akkreditierung nicht nur die Anwesenheit geschulter Hämatologen, sondern eines multidisziplinären Teams, das Intensivmediziner, Neurologen, Kardiologen, Infektologen und Geriater umfasst.
Bleiben die Patienten während der Behandlung zur Beobachtung auf der Station?
Dr.in Cavattoni: Sicherlich. Der stationäre Aufenthalt dauert je nachdem zwei bis 5 Wochen. Danach bleiben die Patienten über mehrere Monate unter unserer Kontrolle, wie es auch bei Transplantierten, die Knochenmark von einem Spender erhalten haben der Fall ist, um sowohl die Wirksamkeit als auch eventuelle Spätfolgen zu überwachen. Ein ambulantes Team für das Follow-up ist dabei unerlässlich.
Erfolgt die Unterbringung in Isolation?
Dr.in Cavattoni: Absolut ja. Unser Zentrum verfügt derzeit über vier sterile Überdruckzimmer; in Zukunft werden es sechs sein, die sowohl für traditionelle Transplantationen als auch für die CAR-T-Zell-Therapie genutzt werden.
Stellen CAR-T-Zellen die Zukunft für die Therapie von allen Tumorerkrankungen dar?
Dr.in Cavattoni: Ja, man kann hier tatsächlich von einer Revolution in der Krebs-Therapie sprechen, da sie die stärksten Zellen unseres Immunsystems potenziell gegen jedes beliebige Ziel instruieren können. Man hat bei hämatologischen Erkrankungen begonnen, aber die Forschungsergebnisse sind auch bei soliden Tumoren und Autoimmunerkrankungen hervorragend. Es ist ein Feld, das sich ständig erweitert.
Gibt es eine Altersgrenze für den Zugang zu diesen Behandlungen?
Dr.in Cavattoni: Das Alter spielt insofern eine Rolle, da ein älterer Patient tendenziell fragiler ist, aber es hängt stark vom allgemeinen körperlichen Zustand ab und davon, wie sehr der Körper durch frühere Therapien beansprucht wurde. Üblicherweise wird eine Grenze von 70–75 Jahren in Betracht gezogen, aber in ausgewählten Fällen könnten wir auch darüber hinausgehen.
Wie viele Spender-Transplantationen führen Sie pro Jahr durch?
Dr.in Cavattoni: Wir führen jährlich etwa 30 Knochenmarktransplantationen von Spendern durch. Davon entfallen mehr als die Hälfte auf Patienten, die älter als 60–65 Jahre sind.
Haben Sie als Leiterin des Zentrums eine spezifische Ausbildung absolviert?
Dr.in Cavattoni: Ich habe eine ganz allgemeine Ausbildung in Medizin und den Facharzt in Hämatologie wie meinen Kollegen. Und ich habe wie sie in diversen großen internationalen Einrichtungen gearbeitet, zum Beispiel im Transplantationszentrum in Hamburg, dem größten in Europa. Darüber hinaus nehmen wir ständig an internationalen Kongressen teil. Die Medizin entwickelt sich jeden Monat weiter, besonders in unserem Bereich: Die ständige Weiterbildung ist stimulierend und war einer der Gründe, warum ich mich damals für dieses Fachgebiet entschieden habe.
Wie sieht das durchschnittliche Profil eines Transplantationspatienten aus?
Dr.in Cavattoni: Wir betreuen Patienten ab 16–17 Jahren aufwärts. Das Durchschnittsalter liegt bei etwa 55 Jahren, aber wir haben auch schon erfolgreich über 75-Jährige behandelt, sofern es ihr körperlicher Zustand erlaubt. Aber das ist die Ausnahme. In vielen Formen der akuten Leukämie ist die Transplantation nach wie vor die einzige Therapie, die zu einer endgültigen Heilung führen kann. Es ist jedoch ein sehr schwieriger Weg, sowohl für den Patienten als auch für seine Angehörigen.
Können Sie kurz beschreiben, wie eine Knochenmarktransplantation von einem Spender abläuft?
Dr.in Cavattoni: Zunächst wird nach einem kompatiblen Spender gesucht, in der Familie und dann im weltweiten Spender-Register. Sobald ein Spender gefunden ist, wird dieser einer medikamentösen Stimulation unterzogen, um das Wachstum der Stammzellen anzuregen, die dann in einem Spende-Zentrum über eine Maschine (Apherese) gesammelt werden, die das Blut in seine Bestandteile teilt und nur die Stammzellen entnimmt. Ein Verfahren, das wir auch in Bozen in unserem Dienst für Immunhämatologie und Transfusionsmedizin durch ein spezialisiertes Team unter der Leitung von Dr.in Pintimalli (Apherese) und Dr. Maniscalco (Verarbeitung) durchführen. Die entnommenen Zellen werden so schnell wie möglich auf die Abteilung gebracht, bzw. von außerhalb mit Spezialtransporten nach Bozen geliefert.
Die Vorbereitung der PatientInnen auf die Transplantation ist alles andere als einfach, oder?
Dr.in Cavattoni: Ja, sie werden einer zusätzlichen, extrem starken Chemotherapie unterzogen. Anschließend erhalten sie das Spender-Knochenmark in Form einer Transfusion: Die Zellen finden von selbst ihren Platz und beginnen sich zu vermehren. Während dieser Phase der Aplasie (Fehlen der Abwehrkräfte) ist der Patient sehr anfällig und bleibt für mindestens sechs Wochen im sterilen Zimmer; das intensive Follow-up dauert mindestens ein Jahr. Es ist ein sehr harter Weg für den Kranken, für die Familie und auch für uns Ärzte; die Risiken sind hoch und die Ungewissheit ist ständiger Begleiter.
Warum sind die Risiken in dieser Phase so hoch?
Dr.in Cavattoni: Der Patient ist immunsupprimiert und das Infektionsrisiko dementsprechend hoch. Zudem erfordert die Therapie viele Medikamente, was eine ständige Überwachung der Vitalfunktionen erfordert. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Transplantation keinen mathematischen Erfolg garantiert: Wir müssen hart arbeiten, damit die Krankheit nicht wiederkehrt. Es ist eine radikale Lebensumstellung erforderlich.
Sind Besuche während der Isolation erlaubt?
Dr.in Cavattoni: Natürlich, die emotionale Begleitung der PatientInnen ist lebenswichtig. Besuche sind sogar für mehrere Stunden am Tag gestattet, aber die Zutritte sind reglementiert und die BesucherInnen müssen Schutzkleidung tragen und sich an ein strenges Reglement halten.
Ist auch eine spezielle Diät erforderlich?
Dr.in Cavattoni: Während des Krankenhausaufenthalts ist die Ernährung streng steril. Für zu Hause gibt unser Ernährungsdienst präzise Anweisungen, die über lange Zeit gewissenhaft befolgt werden müssen. Parallel dazu ist Physiotherapie von entscheidender Bedeutung: Der Patient muss Körper und Geist so gut wie möglich aktiv halten.
Erhalten Patienten und Angehörige psychologische Unterstützung?
Dr.in Cavattoni: Absolut. Wir verfügen über einen eigenen onkopsychologischen Dienst, der die Familie vom ersten Informationsgespräch bis hin zum gesamten Zeitraum der ambulanten Nachsorge begleitet.
Im Gegensatz zu Organtransplantationen spricht man hier nicht von einer „klassischen“ Abstoßung?
Dr.in Cavattoni: Genau. Da das Immunsystem des Patienten praktisch ausgeschaltet ist, kann es das neue Mark eigentlich nicht abstoßen. Das Problem ist umgekehrt: Das transplantierte Mark ist immunologisch sehr stark und kann den Organismus des Empfängers angreifen. Das ist die sogenannte Graft-versus-Host-Disease.
Müssen die Patienten lebenslang Medikamente einnehmen?
Dr.in Cavattoni: Nein, das ist der große Unterschied zu Organtransplantationen wie Herz oder Niere. Wenn keine Komplikationen auftreten, ist es das Ziel, die wichtigsten (und damit belastendsten) medikamentösen Therapien innerhalb von 9-12 Monaten nach der Transplantation abzusetzen.
Welches sind die technischen Kriterien, um als „Exzellenz-Zentrum“ definiert zu werden?
Dr.in Cavattoni: Schon als Transplantationszentrum muss man hunderten von Kriterien entsprechen, die regelmäßig durch das Nationale Transplantationszentrum überprüft werden: von der Medikamentenverabreichung bis zur Transportlogistik. Jeder unserer Handgriffe ist kodifiziert. Wir führen regelmäßig interne Audits mit externen Beratern durch. Die Exzellenz ist eine zusätzliche und noch anspruchsvollere Akkreditierung, die für die Anwendung der CAR-T-Zell-Therapie unerlässlich ist. Wir haben eine Qualitätsbeauftragte, Lisa Florian, deren Unterstützung bei der dokumentarischen Verwaltung der Qualität fundamental ist.
Wie setzt sich Ihr spezialisiertes Team zusammen?
Dr.in Cavattoni: Das gesamte Pflegepersonal ist hochspezialisiert auf die Betreuung von Transplantationspatienten. Was das Ärzteteam betrifft, so sind von den 14 Fachkräften der Abteilung 5 speziell diesem Bereich gewidmet: Neben mir sind dies die ÄrztInnen Anna Kuzina, Daniel Alzetta, Federico Mosna und Sara Frisoli.
Irene Cavattoni und die Transplant-Nurse Kay Knoll mit dem Ende Januar erhaltenen Exzellenz-Zertifikat

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Wenn die „Blutfabrik“ stillsteht

AML - Akute myeloische Leukämie und ihre Heilungschancen – Ein Interview mit Dr. Federico Mosna
Fotos: Othmar Seehauser
Sie gehören zur Kategorie der seltenen Krankheiten. Vor einem halben Jahrhundert kam die Diagnose Leukämie noch einem Todesurteil gleich; heute haben die PatientInnen berechtigte Aussichten auf Überleben bei guter Lebensqualität, oft sogar auf Heilung. Wir haben Dr. Federico Mosna gebeten, uns zu erklären, was die akute myeloische Leukämie genau ist und wie sie behandelt wird.
Können Sie uns ein „Steckbrief“ der AML geben?
Dr. Federico Mosna: Die akute Leukämie unterteilt sich in zwei große Familien: die myeloischen Leukämien, die aus den Vorläuferzellen der weißen Blutkörperchen entstehen, und die lymphoblastischen Leukämien, die die Zellen des Immunsystems betreffen – eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen. Es ist eine hochaggressive Krankheit, die sich extrem schnell entwickelt und leider auch schnell zum Tod führen kann, wenn sie nicht rechtzeitig und angemessen diagnostiziert und behandelt wird. Dennoch zählt sie zur Kategorie der bösartigen Tumore, die heilbar sind. Die Heilungschancen hängen stark vom Alter, dem körperlichen Zustand der PatientInnen und dem spezifischen Leukämietyp ab. Wenn ich eine Zahl nennen müsste, würde ich sagen, dass etwa 50 % der Fälle heilbar sind. Bei PatientInnen bis 60–65 Jahre erreichen wir eine Heilungsrate von 60–70 %, bei älteren PatientInnen liegt sie hingegen noch bei etwa 20–30 %. Als ich 2001 mein Studium abschloss, konnte man bei über 60-Jährigen gegen akute Leukämien fast nichts ausrichten. Seitdem wurden enorme Fortschritte gemacht, vor allem durch die Entwicklung neuer Medikamente und verbesserte Methoden, um die Betroffenen vor Komplikationen der Chemotherapie und vor Infektionen zu schützen.
Wie hoch ist das Durchschnittsalter der PatientInnen?
Dr. Federico Mosna: Die AML betrifft vor allem Menschen über 55–60 Jahre, aber in einem Drittel der Fälle sind auch jüngere Personen betroffen. Eine eindeutige Ursache ist (noch) nicht bekannt. Es gibt Faktoren, die die Entstehung begünstigen, wie etwa frühere hämatologische Erkrankungen oder der Kontakt mit industriellen Chemikalien wie Benzol, Pestiziden oder Farbstoffen. Doch in mehr als 97–98 % der Fälle bleibt die Ursache unbekannt.
Und es gibt keine Symptome, die eine Früherkennung ermöglichen?
Dr. Federico Mosna: Leider weist der Begriff „akut“ genau auf die extreme Aggressivität und Geschwindigkeit dieser Krankheiten hin. Das Knochenmark produziert täglich Milliarden von Blutzellen: Weiße Blutkörperchen leben etwa 12 Stunden, Thrombozyten 8–10 Tage, rote Blutkörperchen bis zu zwei Monate. Diese Zellen werden ständig ersetzt. Zellen, die ihre Funktion verloren haben, werden von der Milz aussortiert – die Blutbildung ist also ein geschlossener Kreislauf aus ständiger Produktion und Ausscheidung. Wenn bei dieser Zellteilung Schäden an der DNA auftreten, geraten die Stammzellen im Mark außer Kontrolle. Sie überschwemmen das Blut mit abnormalen weißen Blutkörperchen. Diese Zellen sind funktionslos; sie reifen nicht aus und können ihre Aufgabe – den Körper vor Infektionen zu schützen – nicht erfüllen. Sie vermehren sich rasant, dringen in das gesamte Knochenmark ein und zirkulieren schließlich im Blut, wobei sie verschiedene Organe infiltrieren. Innerhalb weniger Tage können schwerste Müdigkeit, intensive Schmerzen im gesamten Skelett oder violette Flecken (Ekchymosen und Hämatome – Hautblutungen) an Armen oder Beinen auftreten. Oft ist das erste Symptom ein hohes, hartnäckiges Fieber – Zeichen für eine Infektion aufgrund des Mangels an gesunden weißen Blutkörperchen. Manchmal verursachen auch die entarteten Leukämiezellen selbst das Fieber. Bei Auftreten all dieser Symptome muss man sofort den Hausarzt oder die Notaufnahme aufsuchen.
Erfordert eine Diagnose komplizierte Untersuchungen?
Dr. Federico Mosna: Meistens reicht ein einfaches Blutbild. Wenn es zu wenige rote Blutkörperchen, zu wenige Thrombozyten und viele „seltsame“ weiße Blutkörperchen zeigt (was durch das Analysegerät und später mikroskopisch bestätigt wird), liegt der Verdacht auf eine akute Leukämie nahe. Zeitnah muss sich der Patient einer Knochenmarkpunktion unterziehen. Dabei wird nicht nur der Leukämietyp bestimmt, sondern auch bereits die Untergruppe und die genetischen Merkmale, die eine Prognose über die Sensitivität gegenüber einer bestimmten Art von Chemotherapie erlauben.
Handelt es sich also um eine „traditionelle“ Chemo-Therapie?
Dr. Federico Mosna: Bereits seit 1973 wird diese Art der Leukämie mit immer ausgefeilteren Chemotherapien bekämpft. Bei der AML erhält der Patient eine sehr aggressive Therapie, die schnell wachsende Zellen zerstört. Jede Strategie muss das Ziel haben, alle kranken Zellen zu eliminieren. Theoretisch reicht eine einzige überlebende Zelle aus, um früher oder später – nach sechs Monaten, einem Jahr oder zwei – einen Rückfall zu verursachen. Mit Medikamenten-Kombinationen können wir bis zu 99,99 % der kranken Zellen zerstören. Dies geschieht meist in vier Zyklen, um die Tumormasse so weit zu reduzieren, dass das körpereigene Immunsystem die verbleibenden wenigen Zellen selbst vernichten kann. Je nach genetischem Schaden, unterteilen wir Leukämien in „relativ günstig“ (sie bleiben dennoch akut!), „intermediär“ und Formen mit sehr geringer Chemosensitivität. In den letzten beiden Fällen braucht es „einen Gang mehr“, um eine Heilung zu erreichen.
Eine Knochenmarktransplantation von einem Spender?
Dr. Federico Mosna: Genau. Damit das neue Mark aber seine Funktion aufnehmen kann, muss das alte zuvor durch eine weitere, sehr starke Chemotherapie zerstört werden. Nach der Transplantation vergehen in jedem Fall zwei bis drei Wochen, bis das neue System eine Mindestproduktion aufnimmt. Der Aufbau eines voll leistungsfähigen Immunsystems kann hingegen bis zu zwei Jahre in Anspruch nehmen.
Sie sprachen vorhin von anderen Medikamenten?
Dr. Federico Mosna: Wir haben heute neue, sehr spezifische Medikamente im Bereich der Targeted Therapy (zielgerichtete Therapie), die eine maßgeschneiderte Behandlung bei bestimmten genetischen Schäden ermöglichen. Nicht alle akuten Leukämien entwickeln sich gleich – so wie Fieber ein Symptom für viele verschiedene Infektionen sein kann, die unterschiedliche Antibiotika benötigen. Beispiele für Targeted Therapy sind Inhibitoren des FLT3-Proteins, das bei etwa einem Drittel der Fälle eine Rolle spielt. Auch der Einsatz von Venetoclax, einem Hemmstoff des Proteins bcl-2 (welches kranke (entartete) Zellen vor der Chemotherapie schützt), ist ein Beispiel für eine molekular zielgerichtete Therapie. Doch das führt hier zu weit ins Detail. Bei Formen, die kaum auf Chemotherapie ansprechen, bleibt die Spender-Knochenmarktransplantation der einzige Weg zur dauerhaften Heilung. Aber dieser Weg ist nicht für jeden geeignet: Er ist extrem belastend und mit erheblichen Komplikationen und Risiken verbunden. In der ferneren Zukunft erwarten wir große Ergebnisse auch von Immuntherapien und der CAR-T-Zell-Therapie, wie sie bereits bei anderen Erkrankungen wie Lymphomen eingesetzt werden (vgl. auch Interview mit Dr.in Irene Cavattoni, S. 5, A.d.Red.).
Transplantation oder nicht - Wie wird das entschieden?
Dr. Federico Mosna: Obwohl es eine Altersgrenze von etwa 75 Jahren gibt, hängt die Entscheidung weniger vom Alter als vom allgemeinen körperlichen Zustand der Erkrankten ab. Vor allem Vorerkrankungen (Herz-Kreislauf oder Diabetes) spielen eine Rolle. PatientInnen mit schlechtem Gesundheitszustand riskieren, nicht an der Leukämie, sondern an den Folgen der schweren Therapie zu sterben. Für manche Patienten kann es ein besseres Ziel sein, durch alternative Therapien zur Chemotherapie eine Remission (Symptomfreiheit) von einem Jahr oder länger zu erreichen, um die Lebensqualität zu bewahren, anstatt eine Behandlung mit hohem Sterberisiko zu riskieren. Es gibt „Grauzonen“, in denen es kein absolutes Richtig oder Falsch gibt. Die Entscheidung muss gemeinsam mit dem Patienten und seiner Familie getroffen werden. In jedem Fall können wir heute dank neuer Medikamentenkombinationen PatientInnen behandeln, die vor zehn Jahren fast ausschließlich palliativ betreut werden konnten.
Hat sich die mit ihrer Arbeit verbundene psychische Belastung in den letzten 15 Jahren verändert?
Dr. Federico Mosna: Ja, etwas schon, aber es bleibt eine psychisch belastende Tätigkeit. Das ist das Schöne und das Schwere an meinem Beruf: Wir begleiten die PatientInnen von der Diagnose bis zum Ende – sei es die Heilung oder der Tod. Es sind PatientInnen, die einem ans Herz wachsen und mit denen man oft zum „Du“ übergeht. Wir nehmen an bewegenden Lebensgeschichten teil, oft bei jungen Menschen, und die emotionale Wirkung ist entsprechend stark. Das ist einer der Gründe, warum ich persönlich die Hämatologie der Onkologie vorgezogen habe. Wir haben mehr Zeit. Wir können viel bewirken, und die Dankbarkeit der PatientInnen gibt einem eine unglaubliche Energie. In 25 Berufsjahren haben mich viele Begegnungen mit Patientinnen gelehrt, was im Leben wirklich wichtig ist.
Kann man einer Leukämie vorbeugen?
Dr. Federico Mosna: Abgesehen von den üblichen Empfehlungen – gesunder Lebensstil, Bewegung, ausgewogene Ernährung – kann man nicht viel tun, da wir die Auslöser noch nicht genau kennen. Ein Screening wäre nicht sinnvoll: Es handelt sich um seltene Krankheiten, die so schnell entstehen, dass eine Früherkennung per Kalender technisch unmöglich ist. Das Beste ist, gesund und ohne Vorerkrankungen alt zu werden, damit der Körper eine aggressive Chemotherapie überstehen kann. Und: Man muss seinen Körper kennen und bei bestimmten Anzeichen nicht zögern, sich untersuchen zu lassen.
Bedeutet das, dass Patienten oft zu spät kommen?
Dr. Federico Mosna: Auch wenn es ein persönlicher Eindruck ist, habe ich im Vergleich zu meinen früheren Erfahrungen in Verona und Treviso bemerkt, dass in Südtirol oft eine andere soziale Einstellung herrscht: Wenn jemand plötzlich eine starke Müdigkeit verspürt oder verdächtige violette Flecken bemerkt, die über Nacht ohne Verletzung aufgetreten sind, wäre die normale Reaktion, sofort einen Arzt zu kontaktieren. Hier neigt man eher dazu, dies zu minimieren – sei es, weil man sich stark fühlt, weil man weit weg vom Krankenhaus lebt oder auch aus Scham. Doch bereits eine Woche oder zehn Tage Verzögerung bei der Diagnose einer akuten Leukämie können über Leben und Tod entscheiden.
Das Ärzte-Team der Abteilung für Hämatologie