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Heilung ist (noch) nicht möglich, aber ein Leben damit
Myelom: Die Leukämie, die oft mit Rückenschmerzen beginnt – Interview mit Dr. Nicholas Rabassi

Foto: Othmar Seehauser
Bis vor zehn Jahren kam diese Diagnose noch einem Todesurteil gleich. Heute erreichen Patienten eine Überlebensdauer von 17 Jahren und mehr – bei guter Lebensqualität. Eine vollständige Heilung gibt es zwar noch nicht, aber die Krankheit ist nicht mehr tödlich, sondern chronisch. Ein positiver Aspekt: Es gibt keine Metastasen-Bildung. Das Myelom ist eine untypische Form der Leukämie, da die ersten Symptome oft Rückenschmerzen und Brüche sind. Dies lässt zunächst nicht unbedingt an Blut oder Knochenmark denken. Ein Interview mit dem Hämatologen Dr. Nicholas Rabassi.
Ist das Myelom eine Krankheit, die vor allem ältere Menschen betrifft?
Dr. Nicholas Rabassi: Überwiegend ja, fast 40 % der Patienten sind über 70 Jahre alt. Aber das Durchschnittsalter sinkt und die Fallzahlen steigen leider an. Der Altersdurchschnitt unserer Patienten liegt derzeit bei etwa 60 Jahren, aber wir haben auch Patienten, die erst 30 Jahre alt sind.
Sind die Ursachen bekannt, die ein multiples Myelom auslösen?
Dr. Nicholas Rabassi: Nein, die Ursachen sind bis heute unbekannt. Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang mit Mikroplastik, aber das wird derzeit noch untersucht. Eine besorgniserregende Tatsache ist nach wie vor, dass die Diagnose oft sehr spät erfolgt.
Liegt das daran, dass die ersten
Symptome oft an etwas ganz anderes denken lassen, wie Ischiasbeschwerden oder Arthrose?
Dr. Nicholas Rabassi: Ganz genau. Anhaltende Rückenschmerzen erregen oft nicht sofort Verdacht, besonders ab einem gewissen Alter. Hinzu kommen Müdigkeit und Konzentrationsstörungen. Eine Anämie (Blutarmut) wird oft erst in einem fortgeschrittenen Stadium festgestellt. Häufig ist die Diagnose ein Zufallsbefund, weil Patienten Wirbel- oder Rippenbrüche erleiden, ohne dass es eine direkte Ursache dafür gibt. Und oft kommen sie erst zu uns, nachdem sie bereits beim Hausarzt, Physiotherapeuten oder Osteopathen waren.
Symptome oft an etwas ganz anderes denken lassen, wie Ischiasbeschwerden oder Arthrose?
Was genau ist das multiple Myelom?
Dr. Nicholas Rabassi: Das multiple Myelom ist ein Tumor, der im Knochenmark entsteht – dem schwammartigen Gewebe in Knochen wie dem Becken oder den Rippen, wo die Blutzellen gebildet werden. Es betrifft die Plasmazellen, also jene Zellen, die für die Produktion von Antikörpern zuständig sind. Diese beginnen plötzlich, sich abnorm und unkontrolliert zu vermehren, und produzieren nur noch einen einzigen, nutzlosen Antikörper, der das Mark überschwemmt. Die kranken Zellen produzieren enorme Mengen dieses funktionslosen Antikörpers (die sogenannte monoklonale Komponente MK), die sich im Blut ansammelt und andere Bestandteile verdrängt. Gleichzeitig fördert der Tumor die Vermehrung eines anderen Zelltyps, der Osteoklasten. Diese bauen das Knochengewebe ab, wodurch Löcher im Knochen (daher die Schmerzen) und Spontan-Frakturen entstehen.
Gibt es noch weitere Symptome?
Dr. Nicholas Rabassi: Ja. Da das Myelom unkontrolliert wächst, „erstickt“ es die Produktion der anderen gesunden Zellen – also der weißen und roten Blutkörperchen sowie der Blutplättchen. Das führt zu Anämie, einer drastischen Schwächung des Immunsystems und Gerinnungsstörungen. Weitere Folgen können Schwäche und geistige Verwirrung aufgrund eines zu hohen Kalziumspiegels im Blut sein. Zudem kann die unkontrollierte Produktion von Immunglobulinen zu Nierenversagen führen, was durch den hohen Kalziumspiegel noch verstärkt wird.
Gibt es nur eine Art von Myelom?
Dr. Nicholas Rabassi: Nein, heute betrachten wir das Myelom nicht mehr als eine einzige Krankheit, sondern als eine Gruppe verschiedener Erkrankungen. Für jede muss die spezifische Therapie gewählt werden.
Welche Therapieformen gibt es heute?
Dr. Nicholas Rabassi: Bis zum Ende des letzten Jahrhunderts wurde das Myelom ausschließlich mit Chemotherapie behandelt, und das Überleben nach der Diagnose betrug nur wenige Jahre. Ab dem Jahr 2000 wurden zunächst die autologe Stammzelltransplantation (den PatientInnen entnommene Zellen werden aufbereitet und wieder zugeführt) und später die ersten Targeted Therapies (zielgerichtete Medikamente) eingeführt. Heute nutzen wir die ich weiß nicht wievielte Generation dieser Wirkstoffe, die immer effizienter werden.
Haben diese neuen Therapien zu einer höheren Lebenserwartung geführt?
Dr. Nicholas Rabassi: Absolut. Wir haben heute eine ganze Reihe von Medikamenten zur Verfügung, die je nach Alter und Zustand der PatientInnen eingesetzt werden. Es gilt zwar immer noch das Paradigma der Unheilbarkeit und die Tendenz zu Rückfällen (Rezidiven), aber wir haben eine gewisse Chronifizierung der Krankheit erreicht. Das heißt: Auch wenn wir die Krankheit noch nicht ganz aus dem Körper auslöschen können, können wir sie dank der zielgerichteten Medikamente, die nur die kranken Zellen angreifen, immer besser kontrollieren.
Myelom-PatientInnen bleiben demnach ihr Leben lang in Therapie?
Dr. Nicholas Rabassi: Ja. Wir haben PatientInnen, die dank der Targeted Therapy und dem Chemio-free-Ansatz 17 Jahre nach der Diagnose bei guter Lebensqualität leben. Wir erleben unglaubliche Therapieerfolge: Menschen, die im Rollstuhl saßen, stehen wieder auf und beginnen zu gehen. Menschen, die nach einer gewissen Zeit wieder ihrer Arbeit nachgehen können. Myelom-PatientInnen lernen, mit der Krankheit zu leben und ihren Alltag um sie herum zu bauen. Der einzige „Nachteil“ ist, dass sie einmal im Monat für die Therapie ins Krankenhaus müssen – und das lebenslang. Die Therapie besteht aus einer Unterhaut-Infusion von monoklonalen Antikörpern. Zu Beginn erfolgt dies einmal pro Woche, später seltener, bis hin zu einmal im Monat. Das ist der aktuelle Stand, aber in Zukunft gibt es vor allem dank der neuen CAR-T-Zell-Therapie Hoffnung auf eine echte Heilung.Haben diese lebenslang zu verabreichenden Medikamente Nebenwirkungen?
Dr. Nicholas Rabassi: Sie sind in jedem Alter so gut verträglich, dass die Patienten außerhalb des Krankenhauses die Krankheit fast vergessen.
Wie läuft eine autologe Transplantation ab? Die Altersgrenze lässt vermuten, dass sie eine harte Belastung für den Körper ist.
Dr. Nicholas Rabassi: Die autologe Transplantation ist zwar weniger belastend und gefährlich als eine Fremdspende, bleibt aber die Therapie der Wahl für PatientInnen bis zu 70 Jahren in optimalem physischem und psychischem Zustand. Mittels Apherese werden dem Patienten eigene Stammzellen entnommen und spezifisch aufbereitet. Vor der Transplantation wird die Tumormasse durch eine Medikamentenkombination minimiert. Nach einer hochdosierten Chemotherapie werden die Stammzellen dem Patienten wieder zugeführt. In dieser Phase bleibt der Patient für etwa zwei Wochen in einem Isolierzimmer, bis das Knochenmark dank der behandelten Stammzellen die Produktion gesunder Zellen wieder aufgenommen hat.
Haben ältere Patienten ohne Transplantation geringere Chancen?
Dr. Nicholas Rabassi: Heute können wir auch ohne Transplantation eine relativ lange krankheitsfreie Phase (etwa acht Jahre) garantieren. Diese Zeit ermöglicht es dem Körper nicht nur, wieder zu Kräften zu kommen, sondern gibt auch Hoffnung: Die Forschung bringt so schnell neue Therapien hervor, dass zu erwarten ist, dass im Falle eines Rückfalls bereits neue, noch wirksamere Behandlungslinien verfügbar sein könnten.

